Der Widerstand gegen den Ausbau der Autobahn A643 durch den Mainzer Sand wächst. Der Naturschutzbund NABU sowie das Bündnis „Nix in den Mainzer Sand setzen“ rufen derzeit dazu auf, Einwände gegen den Ausbau bei der Planungsbehörde einzureichen: Die Ausbaupläne enthielten „schwerwiegende Fehler und Versäumnisse“, kritisiert das Bündnis auf seiner Internetseite. Weder sei geprüft worden, wie sich das durch den Ausbau veränderte Kleinklima auf die Tiere und Pflanzen auswirken werde, noch die Folgen der acht Meter hohen Lärmschutzwände auf die Lebensbedingungen der seltenen Arten berücksichtigt. Dazu seien einige der wichtigsten Tierarten gar nicht untersucht worden, die Auswirkungen von Nahverkehrsprojekten seien nicht berücksichtigt worden. Auch die grüne OB-Kandidatin Tabea Rößner kritisierte erneut den sechsspurigen Ausbau.

Widerstand gegen Ausbau A643 wächst - Umweltschützer sehen "schwerwiegende Fehler" - Rößner gegen sechs Spuren
Grafik zum geplanten Ausbau der A643 durch den Mainzer Sand mit einer großen Grünbrücke. – Grafik: LBM

Der Bund will die Autobahn in der Verlängerung der Schiersteiner Brücke auf sechs Spuren plus jeweils einer Standspur auf beiden Seiten ausbauen, um die Autobahn an die neue sechsspurige Brücke anzubinden und sie für die gestiegenen Verkehrszahlen zu ertüchtigen. Die Autobahn durchschneidet jedoch das europaweit einmalige Naturschutzgebiet „Mainzer Sand“, ein Bündnis von Umweltschützern wehrt sich deshalb seit Jahren gegen einen weiteren Ausbau. Erdhistorisch gesehen stammt die Steppenlandschaft grob gesagt aus der Eiszeit, die Sande wurden durch Winde aus dem Westen oder Nordwesten hierher transportiert, Wind prägt das Trockengebiet bis heute. Durch das weitgehend ungestörte Dasein als Panzerübungsgelände der US-Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich hier seltene Pflanzen und Tierarten ausbreiten.

2012 hatten sich deshalb Stadt Mainz, Land Rheinland-Pfalz und Umweltverbände 2012 auf einen Kompromiss geeinigt: Bei der 4+2-Lösung sollte die Autobahn nur einen Ausbau mit zwei Fahrspuren plus einer Standspur bekommen, die in Hochzeiten als dritte Fahrspur genutzt werden könnte. Das Fahrzeugaufkommen sei vor allem außerhalb der Stoßzeiten gar nicht so hoch, die zwei Spuren reichten in der Regel völlig aus, argumentieren die Umweltschützer.

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Der Mainzer Sand ist eine einmalige Steppenlandschaft und ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang. – Foto: gik

Beim Landesbetrieb Mobilität widerspricht man: Rund 66.000 Fahrzeuge passieren schon heute pro Tag die Schiersteiner Brücke und die angrenzende A643, im Jahr 2030 sollen es schon 83.000 bis 84.000 sein – mit zwei Fahrspuren sei das nicht zu schaffen. 2015 verfügte das Bundesverkehrsministerium per Dekret den sechsspurigen Ausbau, die rheinland-pfälzische Ampel-Koalition will ebenfalls den Ausbau. Im nun gestarteten Planfeststellungsverfahren betonte der Landesbetrieb Mobilität, der die Pläne umsetzen muss, man habe alles getan, so wenig Fläche wie möglich in Anspruch zu nehmen. Die Autobahn soll deshalb von jetzt 25 Metern auf lediglich 32 Meter Breite verbreitert werden, eine acht Meter hohe Lärmschutzwand Tiere, Umwelt und Anwohner schützen – Details dazu lest Ihr hier bei Mainz&.

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Animation vom Ausbau der A643 mit der gekrümmten Lärmschutzwand. – Grafik: LBM

Die Umweltschützer hat das offenbar nicht überzeugt: Beim Studium der detaillierten Pläne des Verfahrens habe man diverse „schwerwiegende Fehler und Versäumnisse“ gefunden, kritisiert das Bündnis für den Erhalt des Mainzer Sands. Der geplante Ausbau werde deshalb auch weiter erhebliche negative Auswirkungen auf die europaweit einzigartigen Biotope und Arten des Mainzer Sandes haben. So seien etwa die indirekten Auswirkungen des 6-streifigen Ausbaus „falsch und zu gering eingeschätzt“ worden, heißt es in einem Schreiben der BI, mit dem Bürger Einwände gegen den Ausbau erheben können. Man habe die kleinklimatischen Auswirkungen einer Lärmschutzwand nicht ausreichend betrachtet.

„Die in den Planunterlagen aufgezeigten Änderungen der Windverhältnisse zeigen, dass ein mehr als 50 Meter breiter Streifen hinter den Lärmschutzwänden von den kleinklimatischen Änderungen betroffen ist“, heißt es in dem Text, die Details der Auswirkungen blieben aber unklar. Die Lärmschutzwand werde die Windverhältnisse ändern und einen erheblichen Schatten werfen, es sei aber nicht geprüft worden, wie sich die Veränderungen auf die Feuchtigkeitsverhältnisse in dem Gebiet auswirkten – die Feuchtigkeit sei aber in einem besonders von Trockenheit geprägten Biotop ausgesprochen wichtig. Die Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen seien auch nicht betrachtet worden.

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Eine der seltenen Wildbienen aus dem Mainzer Sand: Die -Dünen-Steppenbiene. Foto: Gerd Reder

Auch hätten die Planer versäumt, die besonders wichtige Artengruppe der Bienen und Wespen zu untersuchen, die im Mainzer Sand in einer besonderen Vielfalt und mit vielen seltenen Arten vorkomme – so sei gerade erste die Dünen-Steppenbiene nach 150 Jahren dort wiedergefunden worden. Ohne Informationen zur wichtigen Artengruppe der Bienen und Wespen seien die Planunterlagen unvollständig und ließen eine vollumfängliche Beurteilung des Vorhabens nicht zu, zumal ein Verlust oder eine weitreichende Schädigung dieser wichtigen Artengruppe zu erwarten sei.

Nicht einbezogen in die Planungen würden ferner die Projekte zum Öffentlichen Nahverkehr in der Region, die aber „lassen eine Entlastung der A643 um mindestens 7 Prozent und mehr erwarten“, heißt es in der Einwendung weiter. Diese Entlastungen seien in den Planunterlagen offensichtlich nicht berücksichtigt, „alle auf den Parametern Verkehr, Lärm und Abgasen beruhenden Abschätzungen und Argumentationen sind hinfällig und ungeeignet zur Beurteilung des Ausbauvorhabens.“ So sei denn auch die Alternative einer 4 +2 Lösung nicht hinreichend geprüft, worden, die in den Planunterlagen aufgeführten Gründe gegen diese Lösung „in vielen Teilen unzutreffend.“

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Die Autobahn A643 durch den Mainzer Sand heute, gezeigt von Umweltschützer Jürgen Weidmann. Die roten Pfeile markieren die damals geplante Verbreiterung, Stand 2015. – Foto: gik

Das Übergehen der 4+2-Lösung kritisiert auch die grüne Oberbürgermeisterkandidatin Tabea Rößner scharf: „Ich finde es nach wie vor eine bodenlose Frechheit und des Übergehens des Willens und der Kompetenzen vor Ort, wenn ein Minister eine solche Weisung erlässt“, sagte Rößner auf Mainz&-Anfrage. Die Bundestagsabgeordnete hatte sich zu Beginn der Offenlegung der Planunterlagen die Pläne angesehen und dabei erneut gegen einen sechsspurigen Ausbau ausgesprochen. „Wir hatten mit 4+2 einen guten Kompromiss gefunden“, sagte Rößner, jetzt werde der Eingriff große Auswirkungen haben, der Mainzer Sand „unverhältnismäßig in Mitleidenschaft gezogen.“

Durch die Pläne würden auch neue Fragen zum Lärmschutz der Anwohner aufgeworfen, sagte Rößner weiter, es stehe zu befürchten, dass die Lärmwerte eben nicht eingehalten würden. „Ein Planfeststellungsverfahren ist dazu da, die Einwände vorzutragen“, betonte die OB-Kandidatin, „theoretisch kann man im Zuge eines Verfahrens auch zur Erkenntnis kommen, dass es möglicherweise eine andere Entscheidung gibt.“

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Einwänden des Bündnisses „Nix in den Mainzer Sand setzen“ findet Ihr hier im Internet, Einwände können noch bis zum 11. Oktober eingereicht werden. Ausführliche Details zu den Ausbauplänen lest Ihr hier bei Mainz&, die Haltung der Umweltschützer haben wir ausführlich in diesem Mainz&-Text in 2015 beschrieben.

1 KOMMENTAR

  1. Der Massen-Individualverkehr ist auf jeden Fall ein Auslaufmodell. Es wird enorm viel sinnlos herumgefahren und in ganz Europa nur hin und her transportiert. Die klimatischen Notwendigkeiten werden uns Bescheidenheit lehren. Ich glaube sogar an die elektromobile Zukunft, aber nicht mit tonnenschweren Stadtpanzern sondern mit Leichtvehikeln. Denn ein ökonomisches Fahrzeug muss leicht sein, wenig Luft- und Rollwiderstand haben. Gibt es längst. Das E-Bike als war gewordene Siebenmeilenstiefel. Oder als Luxusausführung in Gestalt der Fahrmaschine Renault-Twizy.

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