Deutschland ist aus der Atomenergie ausgestiegen – vermutlich endgültig. Doch was passiert eigentlich mit den alten Kraftwerken? Ein Atomkraftwerk (AKW) kann man nicht einfach so stilllegen, schon das Herunterfahren dauert Wochen. Und dann? Was passiert mit den Brennstäben, dem Gebäude und allem was darinnen ist? Im hessischen Biblis stellen sie sich diese Fragen derzeit besonders: Biblis, der älteste noch laufende Meiler der Republik, wurde nach der Atomkatastrophe von Fukushima still gelegt – sein Rückbau wird Jahrzehnte dauern.

Schild Abbautour vor dem Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich - Foto: gik
Start zur Abbautour vor dem Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich – Foto: gik

Im rheinland-pfälzischen Mülheim-Kärlich haben sie damit schon Erfahrung: Seit 2001 bauen sie hier ihr Atomkraftwerk zurück. Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein hatte im Sommer die Gelegenheit, gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne) das AKW Mülheim-Kärlich zu besuchen. „Abbau-Tour“ nannte sich das, und eingeladen waren ausdrücklich auch die Bürger. „Der Staat hat hier nichts zu verschleiern“, betonte Ministerin Lemke ausdrücklich.

Und eines wurde bei dem Besuch überdeutlich: In nur wenigen Jahren gebaut, wird der Rückbau von Mülheim-Kärlich noch bis 2026 dauern. 50 Jahre hat das Kraftwerk dann eine ganze Region geprägt – obwohl es nur 100 Tage lang am Netz war. Eine irrsinnige Geschichte aus volkswirtschaftlicher Sicht – und ein Mahnmal für die Politik: Eure Entscheidungen heute betreffen vielleicht das Schicksal von Generationen…

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Mülheim-Kärlich. Es ist schon ein mulmiges Gefühl, das Kraftwerksgelände in Mülheim-Kärlich zu betreten. 26 Jahre ist es her, dass das Atomkraftwerk im Norden von Rheinland-Pfalz in Betrieb war, 1988 wurde es stillgelegt. Und doch schwingt immer die Frage mit: Ist das hier irgendwie verseucht, gibt es hier noch Radioaktivität?

Abbau Tour mit Schild und Gruppe - Foto: gik
Start in die Abbautour beim AKW Mülheim-Kärlich – Foto: gik

Ja, sagt Markus Storcz, seit Anfang 2014 Leiter des AKWs Mülheim-Kärlich, ein Abbruchmanager sozusagen: Im Reaktordruckbehälter gebe es auch heute noch Bereiche mit hoher Radioaktivität, die seien aber fest verschlossen. „Wir schreiben hier Sicherheit ganz groß“, betont Storcz. 99 Prozent der radioaktiven Teile seien sowieso 2001 und 2002 mit den Brennelementen abtransportiert worden, und überhaupt seien in Mülheim-Kärlich die Werte verhältnismäßig niedrig. „Es war ja nur 100 Tage im Betrieb“, sagt Storcz.

Ein AKW auf einer Erdbebenspalte

Das AKW Mülheim-Kärlich gehört zu den Kuriositäten der deutschen Kernkraft-Geschichte. Kaum genehmigt und in Betrieb gegangen, erstritten Gegner das Aus für das AKW. Mülheim-Kärlich wurde 1975 auf einer Erdbebenspalte des Neuwieder Beckens gebaut, das Kraftwerk musste deshalb beim Bau um 70 Meter verschoben werden, dabei wurden Verfahrensfehler gemacht – ein Gericht verfügte die Stilllegung.

„Ein AKW auf eine Erdbebenspalte zu stellen, war ziemlich irre“, sagt Eveline Lemke, grüne Wirtschaftsministerin von Rheinland-Pfalz. Für Lemke ist der Abbau des AKWs von hoher symbolischer Bedeutung, gerade der Rückbau des Kühlturms, der für 2015 ansteht. „Hier sehen wir, wie politische Fehler eine lange Nachwirkung haben“, sagt die Grüne, und hat dabei Helmut Kohl im Sinn, der als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz den Kraftwerksbau genehmigte und ohne Rücksicht vorantrieb.

Noch 50 Jahre bis zum Atommüll-Endlager

Die Erbauer hätten „eine ganz andere innerer Haltung“ gehabt, sagt Lemke nachdenklich, und dass Deutschland weiter Atom-Physiker ausbilden müsse, weil deren Expertise eben noch Jahrzehnte gebraucht werde. „Es wird noch mehr als zwei Generationen dauern, bis wir den Müll verstaut haben“, sagt Lemke, die Mitglied der Findungskommission für ein Atommüll-Endlager ist. 50 Jahre werde es noch dauern, bis Deutschland ein Atommüll-Endlager habe, schätzt Lemke, und das wird die 50-Jährige dann wohl auch nicht mehr erleben.

Die Ministerin hat zur Abbautour nach Mülheim-Kärlich geladen und betont, Politik müsse „nichts verheimlichen.“ Lemke weiß, dass bis heute eine Bürgerinitiative den Abbau kritisch beäugt, „emotional sehr involviert“, sagt Lemke. Mülheim-Kärlich, das ist auch ein Stück Politikgeschichte Deutschlands.

„Klar, hatten wir Angst“, sagen die Anwohner – bis heute

„Klar hatten wir Angst“, sagt Friedbert Ackermann, der damals auf „so mancher Demonstration“ dabei war. Die Gefahren der Atomenergie, die Lagerung des Atommülls für eintausend Jahre, „das war auch damals bekannt, aber das wollte man nicht wissen“, sagt er. Als am 9. September 1988 Schluss war, „waren wir happy“, sagt Ackermann.

Abbau Mülheim-Kärlich Abbauschritte mit Storcz - Foto: gik
Das sind die Abbauschritte von Mülheim-Kärlich, erklärt von RWE-Abbaumanager Storcz – Foto: gik

Die endgültige Stilllegung kam im Juni 2000 mit dem rot-grünen Atomkompromiss. Am 12.6.2001 stellte RWE den Antrag auf Rückbau, am 1. August 2001 begann der Abtransport der insgesamt 209 Brennelemente in die französische Wiederaufarbeitungsanlage Le Hague. Bei den Castor-Rücktransporten der vergangenen Jahre waren auch alte Brennelement aus Mülheim-Kärlich dabei.

2004 begann die Operation Abbau

Seit 2004 läuft die Operation Abbau, 2008 wurde mit der Entkernung des Maschinenhauses begonnen, 2013 die Ringräume um den Kraftwerkskern geleert. Vor jedem Montagschritt muss RWE einen Antrag auf Abbaumaßnahme stellen, rund 70 solcher Abbaumaßnahmen gab es bereits. Im kommenden Jahr steht der Zerlegung des noch immer hoch radioaktiven Reaktordruckbehälters an. Dafür werden Roboter eingesetzt, der Stahl wird klein geschnitten und kommt ins atomare Zwischenlager.

In der Halle nebenan steht eine Art Durchleuchtungsapparat, ein bisschen wie die Anlagen auf Flughäfen. Durch diese Freimessanlage muss alles, was das AKW verlassen soll, erklärt Storcz: Alle Teile werden so zerkleinert, dass sie in die einen mal einen Meter großen Gitterboxen passen und das Messgerät passieren können. „Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass alles kontaminiert ist“, sagt Storcz.

Freimessanlage im AKW Mülheim-Kärlich - Foto: gik
Da muss alles durch: die Freimessanlage in Mülheim-Kärlich – Foto: gik

Warten aufs Abklingen der Radioaktivität

Rund 10.000 Tonnen Material haben sie in Mülheim-Kärlich bereits abgebaut, davon waren 30 Tonnen radioaktiver Müll. 400 Millionen Euro kostete der Abbau bisher, 750 bis 850 Millionen Euro werden es am Ende sein. „Wir haben seit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung mit Abbau“, betont Storcz.

Das hessische AKW Biblis sei noch in der Nachbetriebsphase, das AKW Lingen befinde sich im „sicheren Einschluss.“ Bei einem solchen Einschluss wird das Kraftwerk versiegelt, „alles bleibt an seinem Platz und wartet, bis die Radioaktivität abgeklungen ist“, sagt Storcz. Das Warten dauert dann 20 bis 30 Jahre, ein Zeichen, wie hilflos der Mensch im Umgang mit dieser Technologie ist.

Japaner waren schon zum Abbau da

Der Rückbau werde nicht nur in Deutschland, sondern auch international verfolgt, sagt Lemke: „Die Japaner waren auch schon da.“ Es war der Super-Gau im japanischen Atomkraftwerk Fukushima, der 2011, nur wenige Wochen vor der rheinland-pfälzischen Landtagswahl, erst den Grünen einen sensationellen Stimmengewinn  bei der Wahl brachte – und anschließend das Aus für die Kernkraft in Deutschland.

Der Abbau in Mülheim-Kärlich wird bis 2025 dauern, dann hat das AKW die Region 50 Jahre lang beschäftigt. „Ich habe gesehen, wie der Turm gebaut wurde“, sagt Julian Goosmann, „jetzt will ich auch sehen, wie er abgebaut wird.“ Goosmann wohnt in Rengsdorf, zehn Kilometer Luftlinie von dem AKW entfernt, als Kind sah er zu, wie der Kühlturm in die Höhe wuchs. „Es war schon eine gewisse Angst dabei“, sagt Goosmann, „es war ja Tschernobyl“, und weckt die Erinnerung an den Gau im russischen AKW 1986.

Ministerin Lemke mit Schild Abbautour vor Freimessanlage in Mülheim-Kärlich- Foto: gik
Ministerin auf Abbau-Tour neben der Freimessanlage in Mülheim-Kärlich – Foto: gik

Anselm Kiefer wollte Turm gestalten

„Es war eine Illusion, dass man diese Technik sicher betreiben könnte“, sagt Lemke. An Mülheim-Kärlich könne man „sehen, wie politische Fehler eine lange Nachwirkung haben“, sagt die Grüne, und dass es noch 50 Jahre dauern werde bis Deutschland ein Atommüll-Endlager habe. Genau deswegen halte sie auch einen Rücklagenfonds der Atomwirtschaft für dringend notwendig. „Das Geld, das RWE zurückgelegt hat, muss Cash zur Verfügung stehen“, betont sie.

2015 steht nun der Abbau des 162 Meter hohen Kühlturms an. Jahrelang hatte hier ein Wanderfalke seinen Horst, er musste umgesiedelt werden. Der Künstler Anselm Kiefer wollte den Turm zum Kunstwerk machen, Lemke lehnte ab, zu sehr ist der Kühlturm das Symbol für die Kernkraft. Der Kühlturm sei nicht verstrahlt, betont Lemke, das Gebäude werde auch nicht gesprengt, sondern „abgeknabbert.“ Beton, Stahl, Edelstahl, „wir können einiges wiederverwenden“, sagt die Ministerin. Den Turmabbau „werden wir auch mit einer Party feiern“, betont sie,  „vielleicht kommen auch unsere japanischen Freunde.“

 Info& auf Mainz&: Mehr zum AKW Mülheim-Kärlich findet Ihr auf der Seite des Betreibers RWE, genau hier.

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