Die Nachbarstadt Wiesbaden treibt den Ausbau ihres Radwegenetzes weiter systematisch voran: Auf dem ersten Ring wurde nun ein erstes Teilstück des Mittelstreifens als Radweg eingerichtet, damit haben Radfahrer dort auf einem halben Kilometer die Wahl zwischen dem Mittelstreifen als separatem Radraum oder der Nutzung der neuen Umweltspur. Insgesamt fühlen sich Radfahrer auf separaten Radwegen deutlich sicherer als auf der Fahrbahn, ergab in diesem Jahr der Fahrrad-Monitor des Bundes. Darin sprachen sich die Deutschen auch für mehr Radschnellwege aus – und genau einen solchen will Wiesbaden nun nach Mainz untersuchen lassen.

Neuer Radweg auf dem Mittelstreifen auf dem Bismarckring in Wiesbaden. - Foto: Stadt Wiesbaden
Neuer Radweg auf dem Mittelstreifen auf dem Bismarckring in Wiesbaden. – Foto: Stadt Wiesbaden

81.000 Euro bewilligte gerade das hessische Verkehrsministerium der Stadt Wiesbaden für die Durchführung einer Machbarkeitsstudie von Radschnellverbindungen. Eine vom Land 2018 durchgeführte landesweite Analyse zu Radschnellverbindungen habe insbesondere zwischen Wiesbaden und Mainz ein sehr hohes Potenzial für den Alltagsradverkehr gesehen – für viele Pendler ist das keine Überraschung: Schon jetzt nutzen zunehmend mehr Pendler für die Wege zwischen Mainz und Wiesbaden das Rad, oft in Verbindung mit der S-Bahn.

Eine neue Machbarkeitsstudie soll nun einen rund elf Kilometer langen Korridor zwischen dem Wiesbadener und dem Mainzer Hauptbahnhof für eine Radschnellverbindung genauer untersuchen, teilte der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) am Freitag in Wiesbaden mit. Die Gesamtausgaben für das Projekt beliefen sich auf rund 165.000 Euro. Tatsächlich nutzen 64 Prozent der Hessen das Fahrrad gerne als Verkehrsmittel, allerdings wünschen sich auch 55 Prozent mehr Radwege, und zwar getrennt vom Autoverkehr. 31 Prozent der bisher noch nicht Pendelnden in Hessen würden zudem das Fahrrad nutzen, wenn es Radschnellverbindungen auf ihrem Weg zur Arbeit oder Ausbildungsstätte geben würde – 76 Prozent der bereits Pendelnden würden das Rad dann noch häufiger als bisher nutzen.

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Die Zahlen stammen aus dem ersten hessischen Fahrrad-Monitor, den das Land im November vorstellte. Der Fahrrad-Monitor ist eine groß angelegte und detaillierte Untersuchung, die alle zwei Jahre repräsentativ das subjektive Stimmungsbild der Radfahrer in Deutschland erhebt. 2019 wurden bundesweit 3.053 Bürger zwischen 14 und 69 Jahren von der Sinus Markt- und Sozialforschung GmbH im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums befragt. Hessen nutzte in diesem Jahr die Möglichkeit, eine eigene regionale Auswertung in Auftrag zu geben – Rheinland-Pfalz tat dies nicht.

Neue Radregelung in der Mainzer Oberstadt An der Goldgrube - mit solchen Regelungen fühlen sich Radfahrer besonders unsicher. - Foto: gik
Neue Radregelung in der Mainzer Oberstadt An der Goldgrube – mit solchen Regelungen fühlen sich Radfahrer besonders unsicher. – Foto: gik

In Hessen wurden so mittels Online-Befragung 940 in Hessen lebende Personen zwischen 14 und 69 Jahren im Juni 2019 nach ihrer Zufriedenheit mit dem Radverkehr befragt. Demnach wünschte sich fast die Hälfte der Hessen jeweils mehr Radwege getrennt vom Autoverkehr, mehr Fahrradstraßen, breitete Radwege sowie bessere Oberflächen für selbige. Nur 56 Prozent fühlen sich auf dem Rad im Straßenverkehr sicher, der Hauptgrund: fehlende separate Radwege (66%), rücksichtslose Autofahrer (64%), zu viel Schwerverkehr (53%) und sich plötzlich öffnende Autotüren (52%).

Die Zahlen waren praktisch identisch mit der bundesweiten Befragung, bei der sich die Radfahrer bundesweit mit einer überwältigenden Mehrheit für Radwege getrennt vom Autoverkehr und von Fußgängern aussprachen. 82 Prozent fühlten sich dabei beim Radfahren auf der Straße ohne Radstreifen unsicher, 60 Prozent wünschten sich mehr Radwege, 53 Prozent die Trennung von Radfahrenden von den Pkws sowie von den Fußgängern (45%). Wiesbaden machte dazu nun gerade ein geradezu vorbildliches Angebot: Auf dem Bismarckring wurde nun der Mittelstreifen auf über einem halben Kilometer zwischen Dotzheimer Straße und Sedanplatz durchgängig mit dem Rad befahrbar gemacht.

Die Umweltspur auf dem Ersten Ring in Wiesbaden darf von Radfahrern und Bussen gemeinsam genutzt werden. - Foto: Stadt Wiesbaden
Die Umweltspur auf dem Ersten Ring in Wiesbaden darf von Radfahrern und Bussen gemeinsam genutzt werden. – Foto: Stadt Wiesbaden

Wie die Stadt Wiesbaden am Freitag mitteilte, wurden dafür die Kreuzungen Bismarckring/Bleichstraße und Bismarckring/Wellritzstraße neu geordnet und Querungen inklusive neuer Ampelanlagen geschaffen. Damit nehme „ein langjähriger Wunsch der Wiesbadener, die durchgängige Befahrbarkeit des Mittelstreifens auf dem ersten Ring,  Gestalt an“, sagte Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Grüne). Er sei oft darauf angesprochen worden, dass sich der Mittelstreifen auf dem ersten Ring, der eine der wichtigsten Radverkehrsverbindungen der Stadt sei, für den Radverkehr geradezu anbiete. „Dass wir jetzt einen ersten Abschnitt eröffnen können, ist sehr erfreulich“, betonte Kowol.

Damit hätten Radler in Wiesbaden ab sofort auf dem ersten Ring die Wahl: Wer schneller unterwegs sei und sich im Straßenverkehr sicherer fühle, können auf den für Rad und Bus vorgesehenen Umweltspuren den Ring entlang fahren. „Langsameren Radfahrenden, Kindern und allen, die sich auf baulich getrennten Wegen sicherer fühlen, steht jetzt der durchgängige Weg auf dem Mittelstreifen zur Verfügung“, sagte Kowol. Beim Fahrrad-Monitor landete denn auch das Land Hessen bei der Frage, „Wie fahrradfreundlich finden Sie Ihre Landesregierung“ auf Platz acht – Rheinland-Pfalz hingegen nur auf dem viertletzten Platz der 16 Bundesländer.

In Rheinland-Pfalz startete das FDP-geführte Verkehrsministerium im Oktober 2019 einen Runden Tisch als Auftakt für die Entwicklung eines Radverkehr-Entwicklungsplan 2030.“Wir durchleuchten die Radverkehrsinfrastruktur von Rheinland-Pfalz vom Radwegenetz bis hin zu intermodalen Möglichkeiten“, sagte Verkehrs-Staatssekretär Andy Becht. Bislang gibt es in Rheinland-Pfalz kein landesübergreifendes Radkonzept oder eine Radstrategie. Bei einer Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums aus dem Jahr 2015 lagen die kommunalen Ausgaben für die Radverkehrsförderung bundesweit gerade einmal bei 0,5 bis drei Euro pro Einwohner und Jahr.

Schlechte Noten gibt es immer wieder für Radwege in Mainz, hier die Große Bleiche. - Foto: gik
Schlechte Noten gibt es immer wieder für Radwege in Mainz, hier die Große Bleiche. – Foto: gik

Die Länder benötigten aber zwischen 2,50 und 10 Euro pro Einwohner und Jahr, um bis 2033 die Hälfte aller Landesstraßen mit Radwegen auszustatten, so die „Grundlagenuntersuchung zur Situation des Radverkehrs in Deutschland“ weiter. Rund 7.900 Kilometer qualitätsgeprüfte Radwege gibt es in Rheinland-Pfalz, dazu rund 1.900 Kilometer überregionale Radwege. 3,5 Millionen Euro pro Jahr gibt Rheinland-Pfalz derzeit für das Thema Radverkehr aus, dazu kommen drei Millionen Förderung für kommunale Radwege sowie rund 8,1 Millionen Euro an Bundesmitteln.

Selbst die an der Ampel-Koalition beteiligten Grünen forderten kurz vor Weihnachten deutlich mehr Mittel für den Ausbau des Radverkehrs und mehr Personal für die Planung von Radwegen, gerade beim Landesbetrieb Mobilität. Der weitere Ausbau des Radverkehrs sei „ein wesentlicher Faktor für das Gelingen der Verkehrswende“, sagte die verkehrspolitische Sprecherin Jutta Blatzheim-Roegler. Nach einer Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Landtag baute das Land Rheinland-Pfalz zwischen 2010 und Ende 2018 insgesamt 86 Kilometer Radwege entlang von Bundesstraßen, 60 Kilometer an Landesstraßen und 23 Kilometer entlang von Kreisstraßen.

Baustelle Große Langgasse: Kreisel, aber keine Radwege. - Foto: gik
Baustelle Große Langgasse: Kreisel, aber keine Radwege. – Foto: gik

In Kommunen wurden in den acht Jahren insgesamt Radwege mit einer Länge von 88 Kilometern gebaut. Im Jahr 2017 waren in Rheinland-Pfalz 36 Prozent aller Radfahrten Freizeitfahrten und 32 Prozent Fahrten zum Arbeits- oder Ausbildungsort – diese Zahlen, so das Ministerium weiter, hätten sich seit 2007 praktisch nicht geändert. Das sahen die Radler 2019 auch für Mainz so: 69 Prozent meinten beim im April 2019 vorgestellten Fahrradklimaindex des ADFC für das Jahr 2018, es sei in jüngster Zeit in Mainz kaum etwas für den Radverkehr getan worden, 76 Prozent der Befragten gaben an, sich beim Radfahren in Mainz eher oder mehr gefährdet zu fühlen. Kritik gab es zuletzt auch an der Gestaltung der Großen Langgasse: Dass die Stadt hier Kreisel, aber dafür keine Radwege gebaut habe, stieß wiederholt bei Bürgern auf Kritik.

Info& auf Mainz&: Den gesamten Fahrrad-Monitor für Deutschland könnt Ihr Euch hier im Internet beim Bundesverkehrsministerium herunterladen, den Fahrrad-Monitor für Hessen findet ihr hier. Die gesamte Antwort des Mainzer Verkehrsministeriums auf die Anfrage der Grünen findet Ihr hier als pdf. Wie Mainz zuletzt beim Fahrradklimaindex 2018 des ADFC abschnitt, könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen. Mehr zum Radverkehrs-Entwicklungsplan 2030 für Rheinland-Pfalz findet Ihr hier im Internet.

 

1 KOMMENTAR

  1. Es war einmal, da haben wohl Mainzer „Herrenfahrer“ Radwege als Meterware für die Statistik angelegt. Gegensätzliche Beispiele der Fehlplanung sind die erbärmlichen Streifen an der Großen Bleiche und die üppige Radfahrerpromenade an der Unteren Zahlbacher Straße, deren Überdimensionierung man auf diese Weise zurückgebaut hat.. Wenig glücklich und sogar gefährlich ist die abrupt endende Fahrradspur auf dem Mittelstreifen des Kaiser-Wilhelm-Rings, der zweimaliges Queren der Richtungsfahrbahn erforderlich macht.. Das in Wiesbaden angelegte Fragment ist von der selben Sorte. Ich bevorzuge die Straße und finde die Kathrin-Eder-Radstreifen auf der Fahrbahn (z.B. Goldgrube) gar nicht schlecht.

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