Die vergangenen Sommerwochen erweckten ja den Eindruck, die Corona-Pandemie sei beinahe verschwunden, das Leben fast schon wieder normal – nun kommt das jähe Erwachen: Das Coronavirus ist zurück. Seit etwa zwei Wochen steigen die Infektionen mit dem neuen Sars-CoV-2 wieder deutlich an, seit dieser Woche liegt die Zahl der Neuinfektionen stabil über 1.000 pro Tag. Der Grund sind Reiserückkehrer – aber nicht allein: Auch Familienfeiern, Feste mit größeren Menschenmengen und vor allem zunehmender Leichtsinn gehören zu den Ursachen. Welche Rolle Tests dabei spielen, und was jetzt zu tun ist – eine Analyse von Mainz&.

"Wir drohen, die Kontrolle zu verlieren" - Corona ist zurück: Ist das die "Zweite Welle"?
Warnt seit Wochen vor einer „zweiten Welle“ der Corona-Pandemie: Karl Lauterbach, hier in der ZDF-Sendung „Lanz“. – Screenshot: gik

Ist dies die vielbeschworene „Zweite Welle“?  Seit Wochen warnten Experten wie etwa der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach vor genau diesem Szenario: Deutschland ist entspannt, das Coronavirus scheinbar verschwunden – da tragen Urlauber aus anderen Ländern das Virus wieder nach Deutschland, wo die zunehmende Nichteinhaltung der Corona-Abstands- und Hygieneregeln eine neue Infektionswelle auslösen – die zweite Corona-Welle. Andere Wissenschaftler widersprechen: Das Coronavirus sei nie weggewesen, deshalb könne man von einer „zweiten Welle“ nicht sprechen, sagen sie. Tatsache ist aber: Nach Wochen des Rückgangs stiegen die Neuinfektionen nun in kürzester zeit wieder auf den Stadt von April – dem bisherigen Höhepunkt der Corona-Pandemie in Deutschland.

„Wir sind klar am Beginn der ‚zweiten Welle‘, das ist deutlich sichtbar“, betonte Lauterbach am 13. August in der ZDF-Talkshow „Lanz“. Das sei im Übrigen für eine Pandemie völlig normal, bei den allermeisten komme es zu mehreren Infektionswellen. Das Merkmal der „zweiten Welle“: Im Gegensatz zu den Hotspots der ersten Welle im März seien nun die Fälle über ganz Deutschland verteilt und fänden sich in allen Altersgruppen, sagte Lauterbach. Verstärkt träten derzeit aber Infektionen bei Jüngeren auf, in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen. „Das ist die Gruppe, die sich viel sehen, viele Kontakte haben“, sagte Lauterbach, „genau das sehen wir gerade.“

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"Wir drohen, die Kontrolle zu verlieren" - Corona ist zurück: Ist das die "Zweite Welle"?
Das Corona-Virus ist zurück: Der neue Erreger Sars-CoV-2 startet eine neue Angriffswelle. – Foto: Wikipedia

Tatsächlich steigen seit etwa zwei Wochen die durch Tests bestätigten positiven Fälle mit Sars-CoV-2 bundesweit wieder deutlich an: Waren es im Juni und Anfang Juli noch 300 bis 400 Fälle am Tag, so kletterte die Zahl der Neuinfektionen vergangene Woche erstmals wieder über 1.000 Fälle pro Tag – und blieb seither beständig über dieser Marke. Am Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 1.445 Fälle an einem Tag, am Freitag waren es 1.449 – das waren so viele wie zuletzt im April. „Diese Pandemie ist noch nicht vorbei, die Infektionsfälle weltweit steigen weiter dynamisch an“, warnte am Freitag RKI-Vizepräsident Lars Schade eindringlich auf einer Pressekonferenz.

Auch in Rheinland-Pfalz steigen die Zahlen parallel dazu erneut an, das Mainzer Gesundheitsministerium meldet derzeit um die 70 Neuinfektionen pro Tag. Aktuell sind 631 Menschen allein in Rheinland-Pfalz an dem Coronavirus erkrankt, die 7-Tage-Inzidenz liege hier leicht über dem bundesweiten Wert, hieß es am Donnerstag beim Robert-Koch-Institut. Der Kreis Ludwigshafen wies gar bundesweit die zweithöchsten Infektionszahlen auf – der Grund: Reiserückkehrer. Sind also die Urlauber an der „Zweiten Welle“ Schuld – oder liegt es gar schlicht daran, dass mehr getestet und somit auch mehr Infektionen gefunden werden?

"Wir drohen, die Kontrolle zu verlieren" - Corona ist zurück: Ist das die "Zweite Welle"?
Dicht gedrängter Strand in Südfrankreich an der Ardèche – solche Fotos gab es zuletzt auch von der Ostsee und vielen Badeseen. Genau diese Menschenmengen machen den Experten Sorgen. – Foto: gik

„Es wird tatsächlich mehr getestet“, sagt Dietmar Hoffmann, Leiter des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen, und das hänge in der Tat maßgeblich mit den Reiserückkehrern zusammen. Seit die Teststation für Reiserückkehrer in Mainz vergangenen Freitag öffnete, werden hier um die 100 Urlauber pro Tag kostenlos auf das Coronavirus getestet, die Kapazität beträgt 150 Tests pro Tag. Landesweit wurden binnen eines Wochenendes 8.385 Tests an Reiserückkehrern durchgeführt, und das allein in den vier Testzentren des Landes an Autobahnen und am Flughafen Hahn.

Unter den 8.385 Tests waren allerdings nur 47 positive Fälle, davon ein Großteil – nämlich 40 Fälle – waren Reiserückkehrer aus Risikogebieten, teilte das Gesundheitsministerium mit. Das Problem sind zumeist Rückkehrer aus den Balkangebieten wie Kroatien, gerade fallen junge Urlauber aus Partyhotspots in dem Balkanland mit gehäuften Neuinfektionen auf. Auch Partyurlauber oder dicht gedrängte Menschenmengen an Stränden machen den Experten Sorgen – solche Fotos gab es zuletzt aber auch immer wieder von deutschen Baggerseen oder den Ostseestränden.

In Mainz machen solche Reiserückkehrer derzeit sogar gut 75 Prozent der neuen Fälle aus: Von 26 Neuinfektionen am Wochenende waren 18 Reiserückkehrer, der Trend setzte sich diese Woche fort. Durch die neuen Tests würden „natürlich mehr Infektionen gefunden, die man sonst nicht gefunden hätte“, heißt es im Gesundheitsamt. Doch die Zahlen sind bundesweit nicht repräsentativ: Nur etwa ein Viertel der Neuinfektionen stammten von Reiserückkehrern, heißt es beim RKI, die Hauptgründe für den Anstieg der Neuinfektionen seien andere: neue Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen sowie in Einrichtungen für Geflüchteten, Ausbrüche in fleischverarbeitenden und anderen Betrieben sowie in Zusammenhang mit Familienfeiern und religiösen Veranstaltungen.

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Corona-Teststation in Mainz-Weisenau für Reiserückehrer: Großer Andrang für Coronatests. – Foto: Kreis Mainz-Bingen

Auch Hoffmann betont, die verstärkten Tests seien keineswegs der einzige Grund für den Anstieg der Zahlen seit gut zwei Wochen: „Die Zahl der Neuerkrankungen steigt tatsächlich.“ Auch im Raum Mainz habe es Infektions-Hotspots bei einigen Großfamilien mit vielfältigen Kontakten untereinander gegeben, „einige haben sich auch beim Begehen des Opferfestes angesteckt“, berichtete Hoffmann. Und dann gebe es eine wachsende Gruppe von Personen, bei denen trotz intensiver Recherche die Ansteckungsquelle nicht zu ermitteln sei. „Vor allem das bereitet uns Sorgen“, sagte Hoffmann, die Infektionen ohne bekannte Quelle seien ein Hinweis darauf, „dass das Virus doch latent in der Bevölkerung vorhanden ist.“

Das könnte bedeuten: das Virus hat sich inzwischen weit in der Fläche ausgebreitet. Bundesweit melden nur noch 41 Kreise gar keine Neuinfektionen, Mitte Juli waren das noch 125 Kreise. Auch eine am Freitag vorgestellte Studie des RKI legt den Schluss nahe: In Kupferzell hatten sich demnach vier Mal mehr Menschen unerkannt mit dem Coronavirus infiziert als bisher bekannt.

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Chillen und Erholen am Rheinufer auf den Treppenstufen am Fort Malakoff – in Kleingruppen kein Problem. – Foto: gik

Viele der jetzt Neuinfizierten sind junge Menschen, die sich in den vergangenen Wochen wieder zunehmend in größeren Gruppen zum Chillen und Feiern trafen. Dazu passt auch, dass die derzeitigen Neuinfektionen zumeist offenbar leicht verlaufen: Die Intensivstationen in den Krankenhäusern sind bei Weitem nicht voll belegt. Dazu passt auch, dass in Mainz und dem Kreis Mainz-Bingen seit Wochen niemand an den Folgen von Covid-19 gestorben ist – genau seit dem 19. Mai 2020 nicht.

Virologen wie der Hamburger Professor Jonas Schmidt-Chanasit mögen deshalb von einer „Zweiten Welle“ nicht sprechen: Der Begriff sei irreführend und Angstmachend, „das möchte ich vermeiden“, sagte Schmidt-Chanasit am Donnerstagabend bei „Lanz“ – im Prinzip sei ja das Coronavirus nie weggewesen. Derzeit sei die Zahl der Neuinfektionen noch „in einem Rahmen, den die Gesundheitsämter kontrollieren können“, von einer „Zweiten Welle“ könne man erst dann reden, wenn das Gesundheitssystem überfordert sei. Doch das RKI meldete in seinem Situationsbericht am 5. August auch: Von den derzeit gemeldeten 30.388 Intensivbetten in Deutschland seien zurzeit 70 Prozent belegt – nur 30 Prozent der Betten, also rund 9.000 Stück sind frei. Und von den derzeit 239 intensivmedizinischen Covid-19-Fällen müssen 60 Prozent beatmet werden.

"Wir drohen, die Kontrolle zu verlieren" - Corona ist zurück: Ist das die "Zweite Welle"?
Warnt eindringlich vor dem jüngsten Anstieg der Neuinfektionen: RKI-Vizepräsident Lars Schade. – Screenshot: gik

In einem sind sich Virologen wie Schmidt-Chanasit und Epidemiologe Lauterbach denn auch mit allen Experten einig: Der derzeitige Neuanstieg der Fälle gibt Anlass zu großer Besorgnis. „Das ist eine ernst zu nehmende und Besorgnis erregende Entwicklung, wir dürfen diese Entwicklung so nicht weiter laufen lassen“, warnte RKI-Vize Schade – und warnte eindringlich vor Leichtsinn und einem Nachlassen bei den Corona-Regeln: „Wir müssen weiter unsere Kontakte einschränken, Abstand halten, Masken tragen“, mahnte er.

Die AHA-Regeln Abstand Hygiene und Alltagsmasken müssten wieder deutlich strikter eingehalten werden, betonte Schade, und forderte: „Verzichten Sie auf Feiern so gut wie möglich, und wenn dann nur im engsten Familienkreis. Beschränken Sie Ihre Reisen auf das Notwendigste, und schon gar nicht in Hochrisikogebiete.“ Wer doch in Urlaub gewesen sei, solle sich an die Einreiseregularien wie Quarantäne und Pflichttests halten. „Gehen Sie zum Arzt und lassen Sie sich testen, wenn Sie Erkältungssymptome oder Geschmacks- und Geruchsstörungen haben“, betonte Schade zudem. Menschenansammlungen sollten möglichst gemieden werden, besonders in geschlossenen Räumen. „Anders wird es nicht gehen“, warnte Schade: „Wir drohen, die Kontrolle zu verlieren.“

Info& auf Mainz&: Mehr zum Problem Reiserückkehrer und Coronatests lest Ihr hier bei Mainz&. Informationen zum neuen Coronavirus, zu Fallzahlen und Entwicklungen gibt es hier beim Robert-Koch-Institut im Internet.

 

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