Übers Rebenmeer gondeln, den Blick auf den Rhein genießen, die Germania auf dem Niederwalddenkmal besuchen – die Seilbahn in Rüdesheim gehört zu den Institutionen des Rheingaus. Ostern 1954 wurde die Gondelbahn eingeweiht, 60 Jahre wurde die Bahn gerade.  Die Rüdesheimer leben mit der Bahn und von der Bahn, und auch Elvis Presley war schon da – jedenfalls virtuell im Film. Mainz&-Gründerin Gisela Kirschstein hat 2014 mit Alt-Rüdesheimer Peter Ohlig gesprochen, der mit der Bahn groß wurde, und sie hat sich von Geschäftsführer Rainer Orben manche Anekdote und technische Neuerung erzählen lassen. Viel Spaß beim Lesen!

Peter Ohlig wurde 1949 in Rüdesheim geboren, Ecke Drosselgasse, der berühmt-berüchtigten Feiermeile in der Weinstadt am Rhein. „Den Bau der Talstation habe ich als kleiner Junge beobachtet“, berichtet Ohlig, das sei besonders faszinierend gewesen, weil nachts gebaut wurde, die Baustelle hell von Scheinwerfern beleuchtet. „Die haben Tag und Nacht gearbeitet, das war für mich als kleiner Junge beeindruckend“, erinnert sich der Rüdesheimer.

Wo Elvis Presley niemals Gondel fuhr - 60 Jahre Seilbahn Rüdesheim
Seilbahn Rüdesheim überm Rebenmeer – Foto: Seilbahn Rüdesheim

Für Peter Ohlig gehört die Seilbahn in seinem Heimatort Rüdesheim zu seiner Familie, wie für viele hier in dem Weinort. „Mein Vater hat zu den Gründern gehört“, berichtet er, also zu jener Gruppe von Geschäftsleuten, die mit ihrem Engagement und ihrem Geld die Seilbahn nach dem Krieg aus der Taufe hoben. Für die Gründer und ihre Familien war die Fahrt frei. „Wir hatten ein Wochenendhaus oben am Denkmal“, erinnert sich Ohlig, „wir fuhren dann mit dem Hund und der Kinderschwester nach oben und verbrachten da oben den Tag.“

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1883 gab’s eine Zahnradbahn

Eine Bahn hinauf zum Niederwalddenkmal hatte es schon lange gegeben, seit 1883 brachte eine Zahnradbahn die Besucher hinauf zur Germania, die stolz an die erste Einheit aller deutschen Territorien im Deutschen Reich von 1871 erinnert. „Das Deutsche Reich beförderte Wohlstand und Industrialisierung“, erzählt Ohlig, auch der Tourismus boomte Ende des 19. Jahrhunderts. „Das Denkmal hat eine wahre Wallfahrt ausgelöst, aus allen Teilen des Deutschen Reiches kamen die Leute nach Rüdesheim“, weiß Ohlig.

Im Zweiten Weltkrieg aber wurde die Zahnradbahn zu stark beschädigt, um sie weiter zu betreiben, doch die Rüdesheimer wollten unbedingt wieder eine Bahn hinauf zum Denkmal. Eine Seilbahn sollte es diesmal sein, ein modernes Transportmittel und ein leistungsfähiges. „Da haben sich die Jungs zusammengesetzt und haben das auf den Weg gebracht“, erzählt Ohlig. Im Sommer 1953 gründeten Geschäftsleute zusammen mit der Stadt Rüdesheim und dem Landkreis Rheingau eine Seilbahn-Gesellschaft, bereits an Ostern 1954 war Einweihung.

Technisches Wunderwerk nach dem Krieg

„Die Bahn wurde als technisches Wunderwerk gefeiert“, sagt Rainer Orben, seit 2001 Geschäftsführer der Seilbahn. Orben kam, als die Seilbahn schon 50 Jahre auf dem Buckel hatte – und eine Erneuerungskur brauchte. Ganze neun Meter schwebten die Gondeln damals noch übers Rebenmeer, „wenn die Erntemaschinen der Winzer kamen, mussten wir die Bahn immer anhalten“, erinnert sich Orben.

Wo Elvis Presley niemals Gondel fuhr - 60 Jahre Seilbahn Rüdesheim
Die Edelstahl-Gondeln schweben den Hang hinauf – Foto: Seilbahn Rüdesheim

Also machte sich die Gesellschaft auf die Suche nach einem Gondel-Hersteller – was nicht einfach war. Beim Skibetrieb wolle man die Leute ja möglichst schnell auf die Skihütte bringen, „wir wollten, dass die Gäste möglichst langsam hinauf schweben“, erinnert sich Orben. Auch gab es standardmäßig nur Gondeln in rot, blau und gelb, „das könnten wir doch nicht über die Weinberge schicken“, sagt Orben schmunzelnd.

85 neue Kabinen für die Bahn

Schließlich baute ein Hersteller den Rüdesheimern Kabinen aus Edelstahl mit runder, organischer Form, „im Retrolook“, wie Orben das nennt. Seit 2005 schweben die Kabinen nun in 14 Metern Höhe über die Reben, niedrig genug, damit auch Nicht-Schwindelfreie mitfahren können. Zwei Erwachsene passen bequem in eine Gondel, dazu auch noch zwei Kinder.

85 Kabinen hat die Seilbahn heute, knapp 800 Personen kann sie pro Stunde befördern – in jede Richtung. Pro Jahr fahren ungefähr 500.000 Menschen mit der Bahn, im Juli haben sie gerade den 35-millionsten Besucher begrüßt. Hochzeitspaare buchen oft einen Trip mit der Bahn, erzählt Orben, die bekommen dann die Gondel mit der Zahl 100 drauf, die eigens für besondere Anlässe reserviert ist.

Elvis Presley fuhr mit – im Film

Auf die Frage, welche Promis schon mitgefahren sind, erzählt Orben gerne die Geschichte mit Elvis. Der amerikanische Sänger Elvis Presley war als GI eine Zeit lang in Deutschland stationiert, die Seilbahn und ihre Gondeln hat er nie gesehen. Doch für den Film G.I. Blues ließen die Macher Elvis per Fotomontage erst in Rüdesheim mit dem Dampfer ankommen und dann romantisch-singend auf der Seilbahn fahren.

Wo Elvis Presley niemals Gondel fuhr - 60 Jahre Seilbahn Rüdesheim
Was für ein Blick! Seilbahn Rüdesheim mit Rüdesheim und Rhein – Foto: Seilbahn Rüdesheim

Seither habe die Kabine Nummer 76 Kultstatus für Elvis-Fans, Anfang 1980er seien sogar einmal rund 200 Elvis-Imitatoren zu Ehren ihres Idols mit der Seilbahn hochgefahren, berichtet Orben schmunzelnd. Die Seilbahn, betont der Geschäftsführer sei übrigens ein sehr sicheres Verkehrsmittel – in 60 Jahren Geschichte hat es noch nie einen Unfall gegeben.

Neue Talstation geplant

Und die Seilbahn-Gesellschaft hat schon wieder Pläne: Als nächstes soll die Talstation der Bahn barrierefrei werden, dafür soll ein riesiges Rad die Seile hinunter auf den Vorplatz der Talstation umleiten. Die Investitionen für die erste Seilbahn – 1953 waren es 370.000 D-Mark, viel Geld in der Nachkriegszeit – hat sich im Übrigen längst rentiert, die Seilbahn fährt Gewinn ein. „Es ist noch nie ein Anteil verkauft worden“, sagt Miteigentümer Ohlig, bis heute seien die Besitzer dieselben Familien wie zu Beginn in der Gesellschaft – „nur die neuen Generationen.“

Daten & Fakten zur Seilbahn Rüdesheim

Die Seilbahn führt von Rüdesheim aus knapp 1,4 Kilometer lang hinauf zum Niederwald-Denkmal. Die Fahrt dauert zehn Minuten,12 Stützen werden unterwegs passiert. Baustart für die ursprüngliche Seilbahn war Sommer 1953, Einweihung Ostern 1954, Kosten damals: 350.000 D-Mark. Im Jahr 2001 wurde die Seilbahn runderneuert, höher gelegt und bekam 85 neue Kabinen aus Edelstahl, die zwei Erwachsene und zwei Kinder fassen. Die Bahn hat eine Kapazität von 800 Fahrgästen pro Tag und Richtung, rund 500.000 Besucher fahren pro Jahr damit. Im Juli 2014 wurde der 35-Millionste Besucher begrüßt.

Ausflugstipp: Die Ringtour

Der beliebteste Trip mit der Rüdesheimer Seilbahn ist die sogenannte Ringtour. Dabei gondelt man erst gemütlich von Rüdesheim mit der Seilbahn auf den Berg und stattet der Germania einen Besuch ab. Von dort geht es auf einem ebenen Weg drei Kilometer weit durch den Osteinischen Landschaftspark auf der Höhe zum Jagdschloss Niederwald. Unterwegs gibt es zahlreiche Ausblicke über den Rhein und auf die Burgruine Ehrenfels, auch die „Zauberhöhle“ lohnt einen Abstecher: Das ist ein alter, gemauerter, etwa 30 Meter langer Gang, der in einem Pavillon mit Blick auf Burg Rheinstein endet – Ende des 19.Jahrhundert fand man so etwas romantisch. Mit dem Sessellift geht es dann hinunter nach Assmannshausen, von dort nimmt man ein Schiff zurück nach Rüdesheim. Dauer. 3-4 Stunden, Kosten für die gesamte Tour: 13,- Euro. Infos: www.seilbahn-ruedesheim.de

 

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