Der Mainzer Volkssternwarte auf der Anne-Frank-Schule drohte 2011 das Aus – aus Brandschutzgründen. Dann verfiel die Stadt Mainz auf eine Lösung: die Sternwarte wurde erhalten, nur betreten dürfen sie Besucher seitdem nicht mehr. Gisela Kirschstein hat sich 2011 den Hintergründen und dem Gründer Paul Baumann gewidmet.

Wo Mainz in die Sterne schaute
Die Mainzer Volkssternwarte – Foto: gik

Fast 50 Jahre lang blickte von hier Mainz in den Himmel: Mitten im Häusermeer der Innenstadt, nur wenige Schritte vom Mainzer Landtag entfernt, ragt ein unscheinbarer Turm über die Häuser empor. Oben ein umlaufendes Geländer, darüber eine grüne Kumpel, dahinter eine Mainzer Kuriosität: ein kreisrunder Raum mit zwei Teleskopen. Von hier aus kann man in die Sterne schauen – oder besser: man konnte. Der alten Volkssternwarte drohte die Schließung zum Jahresende. Nun ist sie gerettet – aber zu einem hohen Preis.

Es war im Jahr 1961 als der Lehrer Paul Baumann eine Gruppe Schüler um sich scharrte – und mit ihnen in die Sterne guckte. Das jedenfalls soll der Beginn der amateurastronomischen Vereinigung in Mainz gewesen sein – und ein Jahr später der Beginn der Volkssternwarte. Denn Baumann lehrte an der Anne-Frank-Schule in der Mainzer Innenstadt – und die hatte einen 35 Meter hohen Turm. Am Anfang habe der ein spitzes Dach gehabt, fast wie ein Kirchturm, und aus den Dachluken heraus habe man die Teleskope gehalten, um den Himmel zu beobachten, erzählt Jörg Schuster.

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Schuster ist der 1. Vorsitzende des Vereins, der 1970 von Baumann gegründet wurde: Die „Astronomische Arbeitsgemeinschaft der Sternfreunde Mainz und Umgebung“ betreibt bis heute die Sternwarte, macht Führungen und erklärt Interessierten den Himmel über Mainz. Der Besitz des Ausgucks auf dem Turm ging allerdings irgendwann an die Volkshochschule, die auch die runde Kuppel baute – die Paul Baumann-Sternwarte. Darin befinden sich Schiebetüren, so dass ein Ausguck für die auf dem Turm befindlichen zwei Fernrohre entstehen kann.

Wo Mainz in die Sterne schaute
Chronik der Geschichte der Mainzer Sternwarte – Quelle: Förster, AAG

Doch ausgerechnet kurz vor dem 50. Geburtstag der Sternwarte kam das Aus. Der Zugang zum Turm führt zwar durch die heutige Realschule, aber wenn es an den Turmaufstieg geht, bleibt ein enges Treppenhaus übrig. Jahrzehnte war das kein Problem – bis 2005 moderne Brandschutzvorschriften zuschlugen: Weil kein „gleichwertiger zweiter Rettungsweg“ zur Verfügung steht, sollte das Guckloch zum Himmel geschlossen werden.

Die Entscheidung scheint schwer verständlich: Jahrzehnte war die Sternwarte ein Anziehungsmagnet, besonders in der langen Museumsnacht drängten sich die Besucher. 70 Interessierte schleuste der Astronomie-Verein 2011 in sieben Stunden zur Sternwarte hinauf und wieder zurück – mehr durfte man nicht. Mehr als 650 Leute hätten abgewiesen werden müssen, berichtet Schuster.

Wo Mainz in die Sterne schaute
Sternwarte mit Eingang Musum – Foto: gik

Zumal ein zweiter Rettungsweg durchaus zur Verfügung steht: Von der Terrasse um die Kuppel führt eine Leiter außen am Haus in die Tiefe, kein schöner Abstieg, aber immerhin mit einem Gitter gegen Herabfallen geschützt. „Wir hatten fünf Jahre lang eine Ausnahmegenehmigung“, sagt Schuster, und der Verein sei davon ausgegangen, dass das eine Dauerregelung sei. Es half nichts, am 16. Dezember 2011 fand der letzte Beobachtungsabend in der Sternwarte statt.

Zwar wird das Observatorium auf dem Dach erhalten – nur besuchen darf es die Öffentlichkeit nicht mehr. Die Sternwarte ist heute nur noch ein Denkmal, ihre Kuppel ein architektonisches Merkmal von Mainz.

Wo Mainz in die Sterne schaute
Die Mainzer Volkssternwarte über den Dächern von Mainz – Foto: gik

Als Abhilfe wurde schon 2011 ein neuer Raum im Lichthof des angrenzenden Naturhistorischen Museums versprochen: Der Mehrzweckraum sollte eine Kuppel erhalten, auf der mit Videoprojektoren der Sternenhimmel projiziert werden soll. Auch an eine Fernsteuerung der beiden Teleskope von unten ist gedacht. Zur Museumsnacht 2013 sollte Eröffnung sein – es kam mal bekanntlich anders.

Den Mainzern geht ein himmlischer Blick über ihre Stadt verloren, von den Sternen ganz zu schweigen. Und Paul Baumann würde rotieren im All, wenn er das wüsste: Der 1976 gestorbene Vereinsgründer ist als Planet 3683 im All verewigt – gefunden von einem Freund Baumanns im Juni 1987.

Informationen unter www.astronomie-mainz.de.

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