25 Jahre ist es her, dass sich die Realität in Deutschland auf den Kopf stellte: Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, und mitten in der Nacht tanzten auf dem Monument der Teilung die Menschen. Das Bild ging um die Welt, kurz danach war Deutschland wiedervereinigt – unglaublich. Für uns damals war das ein unvorstellbarer Tarum, an den niemand mehr glaubte, nun wurde er wahr, und revolutionierte Deutschland in Ost wie West. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls sucht nun das ZDF Mauerspechte und fragt: Was bedeutet der Mauerfall für Euch?

Screenshot Mauerspecht Challenge ZDFDie Aktion startete am 27. Oktober, bis zum 9. November will die ZDF-Aktion noch einmal die Mauer einreißen, dieses Mal aber digital und virtuell: Per Tweet im Kurznachrichtendienst Twitter oder per Kommentar auf Facebook kann jeder einen Meter der Mauer einreißen. 160.000 Posts sollen zusammekommen, 160 Kilometer Mauer so fallen. Das entspricht der realen Länge, die Berliner Mauer war 155 Kilometer lang.

Mit Erinnerungen und Gedanken die Mauer einreißen

Die Idee dahinter: Erinnerungen, Berichte und Fotos von damals sammeln, und reflektieren, was dieses bahnbrechende Ereignis für uns selbst bedeutet hat und bedeutet. Mit Erinnerungen die Mauer einreißen – Mainz& findet das eine tolle Idee, die wir unterstützen wollen. Deshalb schreibt uns, was der Fall der Mauer für Euch bedeutet, wir leiten das dann an die Mauerspechte vom ZDF weiter.

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Natürlich könnt Ihr auch selbst im Internet Eure Gedanken und Fotos hochladen: auf mauerspecht.zdf.de. Dort könnt Ihr auch den Fortschritt der „Mauerspecht-Challenge“ verfolgen, am Donnerstagabend waren erst 2,5 Kilometer geschafft. Dann nix wie los! Und natürlich hat Mainz& auch seine Erinerungen an den 9. November 1989…

8.5000 Kilometer weit in Austin, Texas

Fall der Berliner Mauer - Foto Lear21 via Wikipedia
Und sie tanzten on the Berlin Wall – Foto Lear21 via Wikipedia

Die Autorin dieses Textes saß in der Nacht, als die Mauer fiel, 8.500 Kilometer, einen Ozena, und einen Kontinent entfernt von hier: in Austin, Texas. Dort kam am Nachmittag ein Anruf: „Mach mal den Fernseher an – they are dancing on the Berlin Wall!“ Sie tanzen auf der Berliner Mauer???

Sie taten genau das, und 8.500 Kilometer entfernt sah ihnen eine deutsche Studentin zu, mit offenem Mund und dem Telefonhörer am Ohr, an dessen anderem Ende inzwischen die Eltern in Deutschland waren. Und am gleichen Abend luden deutsche Studenten zu einer spontanen Mauerfall-Party, und ein junger amerikanischer Reporter eines Studentenmagazins fragte: „What does it mean to you?“ – „Was bedeutet es Dir?“

Deutsch sein? Eine Peinlichkeit!

Das war eine enorm gute Frage, doch die wahre Antwort fand ich erst viel später: Es war die Nacht, in der ich Deutsche wurde. Einer Generation entstammend, die – obwohl runde 20 Jahre nach Kriegsende geboren – noch immer ständig mit der Last des Holocausts konfrontiert wurde, hatten wir die Skepsis gegen das eigene Deutschtum tief verinnerlicht.

Wir waren nicht stolz, Deutsche zu sein, das zu sagen war nicht nur nicht cool, sondern regelrecht verdächtig. Eine deutsche Fahne beim Fußball schwenken? Um Gottes willen! Helmut Kohls Strickjacken-Gemütlichkeit war uns ein Greuel und eine tiefe Peinlichkeit, wir reisten ins Ausland und waren stolz, wenn wir dort nicht als Deutsche identifiziert wurden. Wir entschuldigten uns regelrecht dafür, Deutsche zu sein.

Mauerspecht Havelbaude anno 1989 - Foto Havelbaude GNU-Lizenz Wikipedia
Mauerspecht Havelbaude anno 1989 – Foto Havelbaude GNU-Lizenz Wikipedia

Die Nacht, in der ich Deutsche wurde

Und dann kam dieser wunderbare, dieser magische Abend, an dem die Deutschen Revolution machten, und dort oben auf der Mauer in Berlin stand ein neues Deutschland: Friedlich, geschichtsbewusst und dennoch fröhlich und selbstbewusst eine Last abwerfend.

In diesen Monaten in einer texanischen Stadt wurde mir bewusst, was ich an diesem wunderbaren Land so mochte, was gut in Deutschland war – und was mich mit diesem Land verband und bis heute verbindet. Das Land der Dichter und Denker, das Land der Kneipen und der Diskussionen, von gutem Bier und tollem Wein – in diesen Monaten wurde Deutschland mein Land.

Info& auf Mainz&: Die ZDF Mauerspecht-Challenge „Tweet down this Wall!“ findet Ihr hier im Internet. Dort könnt Ihr direkt mitmachen und den Fortschritt verfolgen.

 

6 KOMMENTARE

  1. In der 1000jährigen deutschen Geschichte gab es viele Tiefpunkte.
    Kriege ohne ohne Ende.
    Zum Beispiel:
    Herausragend der 30jährige Krieg mit seinen Gräueln,
    der Napoleonische Krieg,
    die Niederschlagung der 48er Revolution,
    der preussische Expansionskrieg 1866, der deutsch-französische Krieg 1870/71 mit Reichsgründung,
    der 1. und 2. Weltkrieg. 50 MioTode, Holocaust.

    Trotz dieser furchtbaren Ereignisse hat Deutschland auch Großes hervorgebracht:
    Erfindung der Buchdruckerkunst von Gutenberg, durch die die Menschen Zugang zu Informatio und Bildung bekamen,
    Luther und die Reformation,
    Maler wie Dürrer,
    Philosophen wie Immanuel Kant, Dichter und Denker wie Goethe und Schiller,
    Komponisten von Weltrang in großer Zahl (Beethoven wurde in Bonn geboren und Mozart verstand sich als Deutscher (seine Geburtsstadt Salzburg gehörte zum Röm. Reich deutscher Nation), Wagner, Brahms, Richard Strauß. Große Mediziner und Pharmazeuten, Spitzenwissenschaftler (die Zahl der Novelpreise zeigt es),
    die Erfinder des Autos und Flugpioniere waren Deutsche.
    Auch Albert Schweizer war ein Deutscher und viele andere die sich um die Menschheit verdient gemacht haben.

    Wir müssen uns über deutsche Verbrechen schämen. Nicht aber darüber, Deutsche zu sein!

    Und wo waren die großen Staatsmänner? Die gab es auch: Stresemann in der Weimarer Republik. Adenauer, Brandt und Kohl in der Bundesrepublik! Alle drei hatten ihren Anteil an der Wiedervereinigung. Aber ohne Kohl hätte es keine Wiedervereinigung gegeben! Er hat, anders als die SPD, die Wiedervereinigung gewollt und im richtigen Augenblick das Entscheidende getan. „Strickjacken-Gemütlichkeit“? Das gerade von jungbewegter, aufbruchbereiter Seite? Die saßen doch damals alle in Pullis, hekelnd und strickend in den Parteitagen!

    Dieser Schlenker zeigt halt leider doch, die Voreingenommenheit der Berichterstattung!

    Ohne diese zwei Ausreiser (Stolz, ein Deutscher zu sein und Kohl) fand ich Ihren Bericht ausgezeichnet.

    Heinz-Georg Diehl

    • Hallo Herr Diehl, natürlich haben Sie recht mit Ihrer Aufzählung großer Deutscher, aber mir ging es darum, das ganz subjektive Lebensgefühl meiner Generation damals zu schildern. Und für uns war das damals so… Und wir haben uns für die Strickjacken Kohls auf Staatsbesuchen geschämt, wir fanden das sehr unpassend. Und Helmut Kohl ist von der Einheit genauso überrascht worden, wie wir alle 😉

  2. Hallo Frau Kirschstein, Sie können nicht sagen, Ihre Generation habe so gedacht wie Sie. Sie meinen vielleicht die Altersgenossen Ihres politischen Milieus. Ich nehme mal an, dass Sie, zumal damals, links verortet waren. Deswegen waren Sie nicht die besseren Demokraten. Mein Großvater Lorenz Diehl saß bei den Nazis auch hinter Schloss und Riegel. Er war Generalsekretär der Zentrumspartei in Hessen.

    Sie haben eine verstaubte Vorstellung von der Bundesrepublik die von der CDU geprägt wurde. Das wäre ja komisch, wenn die Generation meiner Großväter und Ihrer Urgroßväter gesellschaftspolitisch schon so weit gewesen wäre wie wir heute. Aber damals wurden die Weichen gestellt für ein demokratisches und soziales Deutschland. Adenauer hat die Westorientierung herbeigeführt, während die SPD von einem neutralen Deutschland träumte. Diese Einbindung hat uns Sicherheit und Wohlstand gebracht und den Weg zur Wiedervereinigung offen gehalten. Sie haben nicht recht, dass Kohl von der Wiedervereinigung wie alle überrascht wurden. Überrascht wurde er von der friedlichen Revolution der DDR- Bürger. Die hätte nicht automatisch zur Wiedervereinigung geführt. Aber die hat Kohl dann erfolgreich genutzt, um eine Wiedervereinigung herbeizuführen. Die SPD wollte gar keine Wiedervereinigung. Günter Grass bekam auf dem SPD-Parteitag heftigen Beifall für seine Forderung, keine Wiedervereinigung zuzulassen, weil wir das nach Auschwitz nicht verdient hätten. Alle europäischen Regierungschefs mit Ausnahme des Spaniers lehnten eine Wiedervereinigung ab. Kohl brachte das Kunststück fertig, die USA und die UDSSR (auf die es ankam) zu gewinnen Und das auch wegen seiner guten menschlichen Beziehungen zu Bush und Gorbatschow. Und hören Sie auf, Kohl zu verunklimpfen. Kohl hatte seine Strickjacke an bei einem Picknick in freier Natur, wo alle Freizeitkleidung trugen, und nicht bei einem Staatsbesuch. Schämen Sie sich lieber über anderes.

    • Hallo Herr Diehl, das Thema kriegen wir beide hier nicht ausdiskutiert 😉 Nur so viel: Ich war damals und bin bis heute weder „links“ noch „rechts“, sondern immer schon ein Anhänger eines weltoffenen, sypathischen und spannenden Deutschlands. Und woher kam denn meine „verstaubte Vorstellung eines CDU-Deutschlands?“ Eben: Aus der Kohl-„Ära“. Der übrigens selbst später zugegeben hat, dass er vom Mauerfall völlig überrascht wurde. Und ich habe nie und werde nie sahgen, ich wäre „einen bessere Demokratin“. Das werden Sie hier nie lesen, und so sehr ich die Diskussionen mit Ihnen genieße: Dafür wäre eigentlich eine Entschuldigung fällig…

  3. Es ist eine Schande,25 Jahre Mauerfall als historisches Ereignis zu deklarieren,ich bin nicht auf die Strasse gegangen und sehr viele vergessen,das seti 25 Jahren Kapitalismus herrscht für uns „Ostdeutsche“-und Kaptalismus heißt ja Ausbeutung und Armut!!!!

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